Das orthodoxe Wiedererwachen in Rußland (1) (Γερμανικά, German)


als Inspiration für die Orthodoxie in Amerika1

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Priestermönch Seraphim Rose

Wenn ich das genannte Thema ausgewählt habe, so ist meine Absicht am allerwenigsten „nationalistisch“ oder „kulturell“. Was heute in Rußland vor sich geht ist für uns in Amerika von Interesse, und zwar nicht als etwas spezifisch „Russisches“, sondern als etwas, was die Seele des Menschen betrifft, welchen Hintergrund des Blutes oder der Kultur man auch haben mag. Und wir in Amerika und in der freien Welt im Allgemeinen haben viel zu lernen daraus, was der Seele des Menschen in Rußland heute geschieht. Dies ist deshalb wahr, weil die Situation der menschlichen Seele sowohl in Rußland als auch im Westen wirklich in grundsätzlichen Belangen recht ähnlich ist, zumal der historische Prozeß hier wie dort abläuft und zumal auch grundlegende Unterschiede in unserer Situation bestehen. Und das Gewahrsein dieser Differenzen kann mithelfen, uns zu stärken — und insbesondere uns im christlichen Glauben zu festigen. Zunächst will ich über die Ähnlichkeiten sprechen.

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Der Kollaps der Ideologie

Als erstes sehen wir in Rußland den Zusammenbruch einer allgemein geglaubten Ideologie, auf der die Gesellschaft gründet und die sie in Gang hält. Der Beginn des religiösen Erwachens in Rußland wird unabänderlich von einem Verlust an Vertrauen und an Glauben in den Kommunismus begleitet — und dieser vorerst nicht als politisches und ökonomisches System, sondern als ein Glaube. Dies ist natürlich, weil der erste Artikel des kommunistischen Glaubens der Atheismus ist, jene „Staatsreligion“ der UdSSR, die nur als Ersatz für den Glauben an Gott Sinn macht. Glaube an Gott ist natürlich mit Unglauben gegenüber dem Atheismus und dem Kommunismus verbunden und gerade deshalb ist das religiöse Wiedererwachen in Rußland heute nicht etwas schlichtweg Persönliches, sondern es nimmt den Charakter einer nationalen Bewegung an.

Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben, daß unsere Situation im Westen nicht sehr anders ist. Auch im Westen sehen wir den Kollaps der allgemein geglaubten Ideologie des Fortschritts, der Demokratie und der so genannten „Aufklärung“ — eine verweltlichte Religion, die bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts fraglos von jedermann in Amerika und im westlichen Europa angenommen worden ist. Die „Beat-“ und „Hippie“-Bewegung der 50er und 60er Jahre waren nur der Anfang für eine Haltung der Desillusionierung, die jetzt in der westlichen Gesellschaft weit verbreitet ist — und dies so sehr, daß ein Sprecher wie Solschenizyn dem Westen frei heraus sagen kann, er habe den Willen verloren, gegen den Kommunismus zu kämpfen, weil wir keinen Glauben in unser System haben, der tief genüg wäre.

Endstation der Zivilisation

Zusammen mit dem Verlust des Vertrauens in eine allgemein geglaubte Ideologie ist sowohl in Rußland als auch im Westen die Empfindung gereift, daß die Zivilisation an eine Endstation gelangt ist. In Rußland ist da das Gefühl, der Kommunismus sei am Ende als eine Macht, die nur noch eine kleine Gruppe unbarmherziger Fanatiker begeistern kann und daß der Kommunismus nur noch als nackte Kraft aufrecht bleibt — in der Armee und in der geheimen Staatspolizei. Im Westen ist das Fehlen des Willens, was Solschenizyn richtig diagnostiziert hat, ein direktes Ergebnis des Gefühls, daß der Westen keine Ideologie mehr hat, für die es zu sterben wert wäre.

Suche nach dem Glauben

Schließlich haben der Zusammenbruch der allgemein geglaubten Ideologie und die Empfindung der Endstation, wozu dies führt, sowohl Rußland als auch den Westen zu einer Suche gebracht, um in der Form eines religiösen Glaubens daraus herauszufinden. Es gibt zweifelsohne mehr Interesse an Religion, mehr Gespräche (über das Christentum wie über nicht christliche Religionen) sowohl in Rußland als auch in der freien Welt als je zuvor seit Jahrhunderten. Von diesen Gesprächen beziehen sich in Rußland wahrscheinlich die meisten auf die Orthodoxie. Auf diese Bewegung des religiösen Wiedererwachens möchte ich unsere Aufmerksamkeit nun lenken, und dabei zunächst auf Rußland und danach darauf schauen, wie Rußlands Erfahrung uns im Westen betrifft.

1. Gehalten am 1. September 1980 an der Universität von Kalifornien, Santa Cruz, während der „Wets Coast Conference“ im Hinblick auf das Tausendjahr-Jubiläum der Taufe Rußlands. Zunächst veröffentlicht in: The Orthodox Word, Nr. 1, 1988.

Fortsetzung folgt…

Quelle:

Der Königsweg in der Postmoderne. Beiträge aus der «Orthodoxen Welt». Priestermönch Seraphim Rose. Edition Hagia Sophia – Grafik & Verlag Gregor Fernbach (www.edition-hagia-sophia.de), Straelen, Deutschland, 1. Auflage, 2009, Seiten 99-101.

Internet: http://www.orthodoxie-versand.de/product/158/priestermoench-seraphim-roseder-koenigsweg-in-der-postmoderne.html

Source (text in Εnglish):  The Orthodox revival of Russia as an inspiration for American Orthodoxy. The Orthodox Word, Nr. 1 (138), January / February 1988.

Internet: http://www.orthodoxie-versand.de/product/158/priestermoench-seraphim-roseder-koenigsweg-in-der-postmoderne.html

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